Unbekanntes Georgien

Da wir uns bei der Planung unserer Reise kaum Gedanken über einen möglichen Rückweg gemacht hatten, kam der Entschluss Georgien im Rahmen des Heimweges zu bereisen erst spät. Viel wussten wir nicht über dieses Land, aber andere Reisende waren begeistert. Wir wussten, dass wir den großen Kaukasus durchqueren mussten, um nach Tiflis zu kommen. Und den sahen wir dann auch auf der Fahrt zur Grenze: schneebedeckte Berge unter blauem Himmel. Es war warm und so folgten wir gut gelaunt der alten georgischen Heerstrasse Richtung Hauptstadt.

kazbegi1kazbegi4-pgDie Landschaft war wunderschön- an einem kleinen Bach machten wir Mittagspause und genossen das grandiose Panorama, während Antonia Steine ins eiskalte Wasser warf. Wenn nicht der versteckte, stinkende Pferdekadaver gewesen wäre, dessen Düfte immer mal wieder zu uns rüber zogen, wären wir über Nacht geblieben. Aber so fuhren wir weiter- durch Dörfer, in denen die Schweine am Wegesrand grasten, Weinreben an den Häusern schwer beladen mit Trauben hingen und die Menschen am Wegesrand uns zuwinkten.  Immer entlang kieseliger Flussbetten.

kazbegi3-pgkazbegi12jpgAuf vielen Felsen standen – einmalig toll positioniert- Burgen, oder die Ruinen davon und es gab viele hübsche alte Kirchen. Wir wollten gerne einen Platz mit Abendsonne finden, was sich aber angesichts der Höhe Berge nicht realisieren ließ- so fuhren wir bis 50km vor Tiflis und fanden hier einen schönen einsamen Stellplatz. Georgien wirkte auf der Karte klein auf uns – vor allem wenn man aus Russland kommt- da ist man ruckzuck durch, wenn man nicht aufpasst.

Wir freuten uns sehr auf Tiflis. Tbilisi- sagen die Georgier. Fast unaussprechlich für uns. Sowieso haben sie eine ganz fremd, aber wohlklingende Sprache, gar nicht dem Russischem ähnlich- mit eigenem, wunderschön geschwungenem Alphabet. Im Gegensatz zu Russland, sind aber alle Ortsbezeichnungen und Schilder auch in lateinischer Schrift- ihnen ist wohl klar, dass kaum einer das georgische Alphabet beherrscht. Bei der Fahrt durch die Hauptstadt kam es fast zu einer Ehekrise, weil ich meinte, dass auch die im Navi gezeigten, kleinen weißen Straßen locker breit genug für den Steyr sind (ich war da noch ganz die immer breiten Straßen in Russland gewohnt), während Sebastian sich da nicht so sicher war. Schlussendlich lotste ich Sebastian durch so enge Gassen, dass kaum ein Finger zwischen unser Gefährt und den auf beiden Seiten parkenden Autos passte. Ok- wir sind definitiv wieder in Europa.

tiflis3tiflis4jpgtiflisnachttiflisnacht1Die Straßen in der Altstadt sind eng, steil und verwinkelt, die Häuser alt und niedrig gebaut und es gibt Unmengen von Geschäfte, Restaurants und Cafés. Die vielen Autos parken kreuz und quer und es herrscht ein riesiges Gewusel. Wir waren sofort begeistert von Tiflis- naja, Sebastian erst als er den Steyr schweißgebadet am Straßenrand vor einem Hotel abgestellt hatte. Da das Hotel unserer Wahl kein Zimmer mehr hatte, schickte man uns auf die gegenüberliegende Straßenseite zum „Hotel home“, welches erst vor einem Monat eröffnet hatte. Das Zimmer nahmen wir fast ungesehen, denn Sebastian wollte auf keinen Fall das Auto noch einen Zentimeter bewegen. Wir fuhren dann aber doch noch den Steyr die paar Meter direkt vor das Haus, wo er vier Tage stehen blieb. Der supernette Hotelinhaber Koba hatte sein Elternhaus zu diesem kleinem Hotel mit 5 Zimmern umgebaut. Das Hotel und die nette Familie von Koba waren ein Glücksgriff. Er sprach gut Englisch und hat uns in den Tagen in Tiflis bei allen Schwierigkeiten und Fragen geholfen, uns Kontakte vermittelt, Tipps gegeben und auch mal chauffiert, während seine Mutter uns ein so üppiges Frühstück serviert hat, dass man für den ganzen Tag gesättigt war. Mit dem kleinen Sohn Georg hat Antonia oft im kleinem Hinterhof, in der Küche der Oma, oder einfach auf der Straße gespielt. Es war wirklich ein bisschen wie zuhause.

tiflis1tiflis2Tiflis ist  toll. Wir verstehen nicht, warum wir Keinen kennen, der nicht schon mal da war. Die Stadt kann es nach unserer Meinung in Bezug auf die Attraktivität und dem Flair mit vielen europäischen Hauptstädten aufnehmen. Bei 20-25 Grad und Sonnenschein genossen wir es in Cafés an der Straße zu sitzen und die dann doch erstaunlich vielen Touristen zu beobachten. Wir gingen essen, besuchten die Sehenswürdigkeiten der Stadt und für Antonia einen riesigen-sympathisch leicht verstaubtem- Freizeitpark mit Karussells, der mit wunderschönem Blick über Tiflis auf einem Berg liegt.

tiflis6jpgAllerdings nervte Sebastian seit Russland zunehmend ein Zahn, so dass wir wohl oder übel – nach einer durchwachten Nacht-  einen Zahnklinik aufsuchten mussten. Natürlich war Sonntag. Das war allerdings kein Problem- denn die ausgesuchte große Praxis mit englischer Website hat jeden Tag 24h geöffnet. Es war alles sehr professionell. Nur dass man am Eingang komische Überzieher für die Füße bekam, wenn man die modernen Hightech chromglänzenden Räume betrat, fanden wir gewöhnungsbedürftig. Es lief für Antonia und mich im Wartezimmer eine Werbedauerschleife von exklusiven Reisezielen und Luxushotels, so dass wir eine bisschen Angst bekamen, dass diese Praxis nur für die oberen 10.000 ist und wir eine unsägliche teure Rechnung bezahlen müssen. Nach  angefertigtem Röntgenbild  war schnell klar, was für Sebastian nun anstand. Eine Wurzelbehandlung – Juchu! So ungefähr genau das, was man sich so erhofft. Es waren qualvolle zweimalige 1-2 Stunden, die er  auf dem Zahnarztstuhl verbrachte. Irgendwie klappte das nicht so recht mit der Anästhesie. Nach dem zweiten Termin waren die Schmerzen weg und der Zahn hält bis heute. Was wir bezahlen mussten, wollen wir zum Schutz deutscher Zahnärzte hier gar nicht schreiben, so wenig war es.

Wer einmal nach Georgien kommt, sollte unbedingt den hier auf traditionelle Weise produzierten Wein probieren. Er reift nicht, wie üblich in Fässern, sondern in urtypischen Tonkrügen. Uns schmeckte er, bei mehreren ausgiebigen Kostproben jedenfalls sehr gut. Endlich wieder richtig guter, trockener Wein- seit Monaten hatten wir in den „-Stans“, der Mongolei und Russland uns mit schlechten bis mittelleckeren Wein begnügen müssen.

tiflis5jpgWir hätten ja noch länger bleiben können, aber irgendwann wollten wir wieder raus der Stadt und noch ein bisschen von Georgiens Bergen sehen. Nach herzlicher Verabschiedung von Kobas Familie bugsierten wir den Steyr wieder aus der Stadt heraus in Richtung Mzcheta, der kurz vor Tiflis liegenden, alten Hauptstadt.tiflis7pg

Diese besteht aus einer wirklich hübschen Ansammlung von alten Häusern rund um die Swetizchoweli-Kathedrale aus dem elften Jahrhundert. Mittlerweile natürlich touristisch komplett erschlossen, hatten wir im abendlichem Regen die Stadt dann aber fast ganz für uns alleinemzeta3

mzeta1mzeta4mzeta2Unser weiterer Weg führte uns nach Vardzia, einer im 12.Jahrhundert erbauten Höhlenstadt im kleinen Kaukasus. Von den ursprünglich 3000 in den Stein gehauenen Wohnungen sind heute noch 750 erhalten, oder werden restauriert. Wir kamen am Nachmittag an und waren fast die Einzigen, die sich erst mal den Berg hoch mühten, um sich dann durch die engen Höhlen und Gänge zu zwängen und die abenteuerlich steilen Treppen und Stiegen hoch und runter zu kraxeln. Alles nur minimal oder gar nicht mit Geländern gesichert. Da wurde uns manchmal schwindelig, während Antonia ihren Spaß beim Durchlaufen der dunklen, niedrigen Gänge hatten, während wir vor und hinter ihr mehr auf allen Vieren krochen. Immer in Sorge sie würde die steilen Treppen herunter stürzen. Es war echt ein Erlebnis und wir waren schweißgebadet als wir wieder unten waren. Besser als jeder Klettergarten.

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vardzia1Direkt vor dieser schönen Kulisse fanden wir unseren Stellplatz für die folgende Nacht. Leider kündigte sich am folgenden Tag das Wetter für die nächste Woche schon an. Dicke, regenverhangene Wolken und deutlich kühlere Temperaturen. Da wir so nah an der Grenze zur Türkei waren, entschieden wir uns für eine ‚Flucht‘ gen Süden, anstatt bei diesem Wetter länger im Kaukasus auszuharren.  Im Nachhinein finden wir das aber doch sehr schade, da Georgien – vielleicht auch weil wir in Vorfeld so wenig wussten und ohne Erwartungen waren- ein tolles Reiseland war. So machten wir uns auf zum Grenzübertritt in die Türkei.

 

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