Der lange Weg durch Russland

Russland ist das größte Land der Erde. Wir wollten ja nur einen Teil davon- vom Baikalsee bis zur georgischen Grenze- durchqueren. Trotzdem sollten es über 6500km sein- über Landstraße – zum größten Teil durch Sibirien. Wir hatten schon eine Gänsehaut, wenn wir nur daran dachten uns Mitte September auf diese Route zu wagen. Wir dachten an Regen, an endloses Grau in Grau, an ein Schneechaos im großen Kaukasus und lange Wochen des täglichen Fahrens. Fast einen Monat würden wir brauchen, wenn wir ca. 300 Kilometer pro Tag fahren würden- eine tägliche Strecke, die uns auf den kasachischen Straßen schon nicht leicht gefallen war. Außerdem würden wir ab jetzt westwärts fahren, sind also am Wendepunkt unserer Reise! Treten den Rückweg an- ein komisches Gefühl. Kurzum – außer auf den Baikalsee habe wir uns nicht so recht auf Russland gefreut. Es war aber doch irgendwie ganz anders.

Beim Grenzübertritt nach Russland sorgte bei Sebastian das im Pass eingeheftete Iranvisum für Verwirrung. Bei Antonia und Christina  hat es niemanden daran gehindert einfach einen Einreisestempel in den Pass zu stempeln. Nach kurzer Rücksprache – mit wem auch immer am Telefon- ging es aber dann doch recht zügig zum zweiten Mal nach Russland einzureisen. Wir freuten uns auf den Baikalsee- das Wetter war fantastisch warm, die Sonne stand schon tief und die Bäume sahen wunderbar herbstlich bunt aus. In der ersten großen Stadt – Ulan Ude – wollten  wir unbedingt neue Starterbatterien für den Steyr kaufen, nachdem seit fast einem Monat immer mal wieder Probleme beim Starten des Motors aufgetreten waren. Nach den Taglichtfahrten in Russland (die sind hier Pflicht) war nun endgültig klar, dass die Batterien die Ursache sein müssen. Wir fanden schnell einen gut sortierten Autozubehörshop und wurden am Eingang in perfektem Englisch von einem Russen angesprochen, der lange in Kanada gelebt hat. Netterweise half er uns die passenden Batterien auszusuchen, und unsere Alten in Zahlung zu geben. So ist das hier, da bekommt man fast 20 €, wenn man seine alten Batterien abgibt, in Deutschland muss man für die Entsorgung noch was zahlen. Die Batterien waren viel billiger als in Deutschland und nach ausgiebigem Einkauf in einem russischem Hypersupermarkt- hier gibt es wirklich alles im Überfluss, kein Vergleich zur Mongolei- brachen wir voller Vorfreude zum Baikalsee auf.

baikal3Am ersten Abend fanden wir nach ziemlich langer Suche dann doch noch einen schönen Platz an einer Lagune, die uns der kanadische Russe empfohlen hat. Wir standen schön in einem Birkenwald direkt am Ufer des Sees. So klar, wie überall beschrieben war das Wasser hier leider nicht, eher schlammig-rötlich, auf keinen Fall zum Trinken- muss wohl an der Lagune liegen. Außerdem gab es sehr, sehr viele Mücken und zwar den ganzen Tag, nicht nur abends. Egal, wir zogen uns und Antonia mückensicher an (=2 Hosen, dicker Pullover, Mütze), und begannen unsere Supermarktschätze zu grillen.

antonia1 baikal1baikal2baikal4Es kam am Abend an diesen versteckten Ort noch ein Angler, der uns frisch gefangenen Omul verkaufte. Diesen Fisch gibt es nur im Baikalsee. Er nahm ihn auch für uns aus und lobte wortreich den Rogen, der mit viel Salz vermengt natürlich auch probiert wurde. Oleg- so hieß der Fischer- sprach natürlich kein Wort Englisch, malte seine russischen weitschweifigen Erklärungen aber so gestenreich aus, bis wir alles verstanden haben. Es war sehr lustig.

baikalomul2mondaufgangAm nächsten Tag fanden wir einen fast mückenfreien Platz am nun glasklarem Seewasser, so dass Sebastian sich trotz 12 Grad Wassertemperatur ins Wasser traute.

baikalbadenDie weitere Route führte direkt am Südufer des Baikals vorbei und es gab immer wieder tolle Blicke auf den riesigen See, wenn sich der herbstliche Wald am Ufer mal etwas lichtet. Es war wunderschön!

titel1Wir führen weiter nach Irkutsk – die Perle Sibiriens – das Paris des Ostens – und tatsächlich hat Irkutsk wenig Sovjetbauten, keine breiten Prachtstraßen, stattdessen viele europäisch anmutend verzierte Bauwerke. Wir fühlten uns sehr wohl. Vorwiegend waren wir nach Irkutsk gefahren, weil wir Antonia versprochen hatten in einen Zirkus zu gehen. Das taten wir dann auch – ein Besuch beim sibirischen Nationalzirkus. Antonia war ganz aus dem Häuschen – ihr erster Zirkusbesuch! Wir fanden einige der Tiernummern etwas altbacken. Die Akrobatiknummern aber waren toll – auch wir haben es genossen – wie lange mag unser letzter Zirkusbesuch her sein.

zirkus

Danach brauchten wir weitere fünf Tage durch endlose Birkenwälder in schönsten Herbstfarben bis wir Novosibirsk erreichten. Da dachte man Novosibirsk ist am Ende der Welt- und dann waren wir noch soviel weiter östlich (und ja – es geht noch so viel weiter gen Osten). Die langen Fahrtage führten zwar auch durch herrliche Landschaften, mit herbstlichen Wäldern in allen Farben, aber es war auch anstrengend 6-8 Stunden zu fahren, nur unterbrochen durch eine kurze Mittagspause. Das Reisen bleibt hier auf der Strecke. Antonia schaute in dieser Zeit viel DVD, oder erzählte endlose, selbstausgedachte Geschichten – in denen man selbst genau zugewiesene Rollen sprechen und spielen durfte. Eigentlich wollten wir am Anfang nicht, dass sie soviel fernsieht, aber manchmal waren wir dann doch um ein paar Minuten froh, in denen man etwas Ruhe für eigene Gedanken hatte, oder einfach nur die Landschaft genießen konnte. Wir alle waren wohl etwas gestresst.

herbst2baerspaziergangIn Novosibirsk brauchten wir eine Pause und checkten daher in ein Hotel ein. Wir duschten stundenlang und bestellten uns Pizza aufs Zimmer – welch ein Luxus! Wir gingen zum Frisör (Christina das erste Mal seit sechs Monaten), gingen shoppen und besuchten den Zoo. Es waren zwei wunderbare Tage mit viel Sonne im nun nachts allerdings schon kalten Sibirien.

Als wir Novosibirsk verließen hatten wir dann auch unsere bisher einzige Nacht mit Frost bis minus drei Grad.

frostWir durchquerten den Ural und erreichten unbemerkt wieder europäischen Boden. Wir fuhren Kilometer um Kilometer- aber was nicht entlang des sibirischen Highway lag, bleib für uns unentdeckt. So ein langer Weg durch Russland – doch haben wir nur sowenig von diesem riesigem Land gesehen. Abends suchten wir uns im Wald oder auf den vielen Feldern neben der Straße eine Platz.  Die aktuelle Uhrzeit im Blick zu behalten war schwierig, fast täglich wurde die Uhr eine Stunde zurückgestellt. Wir hatten schon bald den Überblick verloren und versuchten an Tankstellen die aktuelle Uhrzeite abzulesen. Wir lebten ziemlich zeitlos. Standen auf, wenn Antonia uns weckte- was täglich früher wurde- und fuhren bis wir kein Lust mehr hatten.

herbst3stoppelfeldNach Omsk, Ufa, Samara und Saratov erreichten wir nach Fahrt entlang der riesigbreiten Wolga: Wolgograd- das alte Stalingrad. Hier besuchten wir den Gedenkpark mit der riesigen Mutter Russland- Statue. Mit einer Höhe von 72 m – allein das Schwert ist 33m lang- eine der größten Statuen weltweit. Wirklich sehr beeindruckend.

wolgograd4

Etwas blauäugig wählten wir für den weiteren Weg Richtung Georgien die Route durch Dagestan und Tschetschenien- sogar unser Lonely Planet Reiseführer lässt diese Gebiete Russlands unberücksichtigt mit dem Hinweis, daß diese Regionen nicht sicher seien. Das das auswärtige Amt vor Reisen in dieses Gebiet warnt, war uns danach sowieso klar. Nun ja, nun waren wir auf diese Route und wollten auch nicht mehr umkehren- ganz meiden können hätten wir diese Regionen sowieso nicht, da der einzige für Ausländer offene Grenzübergang zu Georgien in Nordossetien liegt (hiervor wird genauso gewarnt). Es gab sehr viel Straßenkontrollen. Schwer bewaffnetes Militär- hinter Sandsäcken verschanzt- stoppte die Autos. Auch wir wurden mehrfach kontrolliert, vor allem an den Abzweigungen zu den Städten. Das war zwar immer ein bisschen unheimlich – „Mama, warum hat der Mann so ein großes Gewehr?“-und hat viel Zeit gekostet, aber so richtig schlimm war es auch nicht. Trotzdem waren wir am Ende froh, diesen Teil Russlands hinter uns lassen zu können. Die kilometerlangen LKW Schlangen vor der Grenze nach Georgien sind wohl der Tatsache geschuldet, dass es eben nur diesen einen Grenzübergang gibt. Mann, war da was los! Vor allem Russen strömen in das Nachbarland, andere Ausländer  haben wir nicht gesehen. Irgendwann war es geschafft. Nach 23 Tagen durch Russland: Georgien- Land Nummer 13- wir kommen!!!

3 Gedanken zu “Der lange Weg durch Russland

  1. Ihr Lieben,
    vielen Dank für eure tollen Reiseberichte. Großartig ist, was ihr erlebt. So oft wie in den letzten Monaten war ich lange nicht mit dem Finger auf der Weltkarte unterwegs. Ich bin gespannt, wie es weitergeht und fiebere euerm nächsten Bericht entgegen – wie donnerstags, wenn die neue „Zeit“ kommt;-) Vielen Dank und weiterhin gute Fahrt.
    Hannes

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