Tadschikistan und das Dach der Welt

Trotz vieler Gerüchte um Schwierigkeiten bei der Einreise an dieser Grenze war es für uns einer der einfacheren Grenzübergänge. Natürlich blieb auf usbekischer Seite eine pingelige Kontrolle des Fahrzeuges nicht aus, auch die Laptops wurden kontrolliert, insgesamt bleib die Prozedur aber erträglich – oder wir waren schon dran gewöhnt. Auch auf tadschikischer Seite war der Papierkram nach Zahlung der offiziellen Gebühren schnell erledigt, wir hatten wegen der relativ neuen elektronischen Visa mit mehr Schwierigkeiten gerechnet. Eine Kontrolle des Fahrzeuges blieb uns gänzlich erspart und so konnten wir relativ schnell Fahrt in Richtung Duschanbe -der Hauptstadt- aufnehmen. Die knapp 80 Kilometer legten wir auf nahezu perfekter Autobahn schnell zurück, so dass wir bereits am frühen Nachmittag dort eintrafen. Im wunderschönen Marian’s Guesthouse blieben wir dann drei Nächte, füllten unsere Vorräte für den Pamir auf, genossen die Restaurants der Großstadt und trafen nette andere Reisende. Viel zu sehen gibt es in der Stadt nicht und so entspannten wir ein bisschen in den vielen Parks und machten sonst nicht viel.

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Endlich waren wir in Tadschikistan – die Fahrt über den Pamir Highway und in das Vakhan Valley waren für uns seit dem Gedanken an diese Reise ein Highlight. Ein wenig aufgeregt fuhren wir dann endlich aus Dushanbe heraus gen Osten über Khulob immer höher in Richtung Shurobod entlang der Südroute zum Pamir Highway.

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Dort angekommen passierten wir den ersten Grenzposten für das Gebiet des GBAO (autonome Provinz Berg-Badachschan) und suchten nach einem Schlafplatz, um am nächsten Tag nach Khaleikhum- unseren Start des eigentlichen Pamir- Highway zu fahren. Wir mussten allerdings noch einige Kilometer einer abenteuerlichen Baustelle bergab passieren, bevor wir einen Stellplatz finden konnten. Dieser bot uns dann allerdings mit Blick auf die afghanische Grenze, die Berge und dessen Grenzfluss Panj genug Entschädigung. Was für eine Kulisse – es war atemberaubend.

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In dieser ersten Nacht – noch gar nicht richtig auf dem eigentlichen Pamir-Highway machten wir die ersten Bekanntschaft mit denen, die uns von nun an bis in 4500m begleiten würden: Mücken!!! Winzig kleine, ganz gemeine Viecher- erst dachten wir es sind eher so eine Art Fruchtfliegen – also harmlos. Von wegen – bereits in der ersten Nacht hatte Sebastian alleine 40 Stiche am rechten Oberschenkel, Antonia im Gesicht 20 Stück- es war der Horror. Sie waren zu Tausenden, wir nur zu dritt! So klein wie sie waren, kamen sie durch unsere Fliegengitter an den Fenstern irgendwie durch und die Stichen waren größer, juckender und vor allem langlebiger als die Stiche der gemeinen nordeuropäischen Mücke. Es hat drei Horrornächte gedauert bis wir alle Fenster mit Tape zusätzlich gesichert hatten und den letzten Eindringlingen mit chinesischem Insektenvernichter den Gar aus machen konnten. Damit hatten wir das Problem einigermaßen im Griff- die Stiche haben wir heute (4 Wochen später) teilweise noch immer. Die jucken auch noch!!! Es ist ein Phänomen- wir verstehen nicht warum nicht in den Reiseführern oder noch besser auf Warntafeln vor diesen Minimonstern gewarnt wird.

Die Straße Richtung Khaleikhum verläuft immer entlang des Grenzflusses auf der einen und zum Teil schroff ansteigenden Felswänden auf der anderen Seite. Hier gibt es immer wieder abenteuerliche Abschnitte und Engen, die wir aber ohne Probleme gut passieren konnten.

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Ab Khaleikhum kamen wir dann auf die M41, den eigentlichen Pamir Highway, der aber zum großen Teil ebenfalls aus Schotterpiste besteht. In Chorugh – einer kleinen Stadt – die irgendwie jeder der den Pamir bereist passiert- blieben wir in der Pamir Loge. Wir benutzen dort die Dusche, wuschen unsere Wäsche, schliefen aber im Steyr. Wir trafen dort viele andere, die per Motorrad, als Backpacker oder auf dem Fahrrad (ja, es gibt gar nicht so wenig Verrückte, die mit dem Rad diese Straße fahren),  auf dem gleichen Weg waren wir wir, oder in entgegen gesetzter Richtung. So saß man bis spät in der Nacht draußen vor der Lodge auf dem Tapchan (mit Teppichen und Kissen belegte, 2×3 m große, ca. 40cm hohe zentralasiatische Loungingzone) und tauschte sich aus über Straßenverhältnisse, was man unbedingt sehen muss und die Erfahrungen und den Umgang mit der Höhe aus. Vor allem wegen Antonia machten wir uns da ein bisschen Sorgen, da wir gelesen hatten, das Kinder häufiger darunter leiden und sie ihre Beschwerden vielleicht auch nicht richtig äußern, und auch selbst gar nicht einordnen können. Wir blieben 2 Nächte in Chorugh und genossen diese Entdecker- und Aufbruchsstimmung, die in der Stadt herrschte.

Wir hatten uns dazu entschieden, ab Chorug auf jeden Fall noch in den Vakhan Korridor zu fahren, auch wenn es einen ‚Umweg‘ von ca. 180km auf schlechteren Wegen bedeutete. Die Strasse führt weiter entlang des Panj und der Grenze zu Afghanistan in die Täler hinein und so bieten sich hier unglaubliche Ausblicke vor dem Panorama des Hindukusch und des beginnenden Pamir, wenn das Wetter mitspielt. Entlang des Tals gab es fast immer nur den einen Weg und so trafen wir mehrfach auf Erling, einen Norweger mit seiner Honda Enduro, den wir zuerst in Dushanbe kennengelernt hatten. Mal zum Lunchbreak, mal zum gemeinsamen Abendessen in einem Guesthouse. Dort wo sich das Tal ein wenig ausbreitet, wird der Platz dann auch für Ackerbau oder Dörfer genutzt. Trotzdem fanden wir immer wieder schöne Stellplätze umgeben von den Bergen, auch wenn es sich manchmal ein wenig schwierig gestaltete und man Platzmangel hier zu allerletzt vermuten würde.

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Als das Wetter uns einen Strich durch die Rechnung zu machen schien und alle Berge wolkenverhangen waren, verkürzten wir unsere Tagesetappe vor Langar in der Hoffnung am nächsten Tag bessere Sicht zu haben. Eine goldrichtige Entscheidung, denn wir trafen mittags auf Henk und Marianne, einem Paar aus den Niederlanden, das seit mehr als 20 Jahren immer wieder mit ihrem selbstausgebautem Landcruiser unterwegs ist. Beim gemeinsamen Mittagessen an einem Wasserfall ergaben sich viele Gesprächsthemen bis in den Abend hinein. Zum Abendessen konnten wir unseren von zuhause mitgebrachten Hirschschinken beisteuern (Danke Heiko- einfach köstlich) und es wurde ein Stellplatz gesucht.

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Die nächsten Tage klarte das Wetter tatsächlich auf und wir bekamen auf dem Weg aus dem Vakhan Korridor heraus unbeschreibliche  Panoramen zu sehen. Klar, dass hier einige Fotostopps eingelegt werden mussten. Auch Marianne und Henk trafen wir auf dem Weg zum Pass wieder, die hier mittags auf uns gewartet hatten. Nach einem gemeinsamen Mittagessen verabschiedeten wir uns und machten uns auf in Richtung Bulunkul, einem hochgelegenen Bergsee. Die Straße dorthin bestand hauptsächlich aus Wellblechpiste, die obgleich aus losem Sand bestehend, durchaus materialbelastend war (wie immer auf solchen Pisten galt es, das richtige Tempo zu finden, wenngleich das auch nicht immer langsam Fahren bedeutete…).

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pamir13pamir25Das nächste Etappenziel hieß Murghab. Über die M 41, den Pamir Highway waren die Kilometer aber trotz mäßiger Asphaltqualität schnell bewältigt. Wir bekamen die ersten Yak Rinder zu sehen, die entlang der Straße in kleinen Herden an den Jurten grasten. Murghab selbst machte einen recht tristen Eindruck, vielleicht wegen des einsetzenden schlechten Wetters, vielleicht auch wegen eines zunehmenden Ölverlusts des Luftkompressors, den wir während der Mittagspause bemerkt hatten. Nach kurzer Durchfahrt durch das Dorf entschieden wir uns im Pamir Hotel, dem Einzigen im Ort, zu Abend zu essen und vor deren Tür für die Nacht zu parken. Hier trafen wir auf eine Gruppe von kirgisischen Fahrern einer britischen Reisegruppe, die wir zusammen mit Erling im Vakhan Korridor kennengelernt hatten. Welch ein Glück….bei einer Zigarette war das Problem schnell erörtert und wir konnten mit Einem von ihnen die Dichtung mit ‚Bordmitteln‘ zumindest temporär reparieren. Murghab liegt auf einer Höhe von 3600m und wirkt recht karg und trostlos, umgeben von einer Mondlandschaft und einer Anreihung improvisiert wirkender Behausungen. Ein zuverlässig funktionierendes Stromnetz gibt es nicht, überall sieht man Sonnenkollektoren (bei denen, die es sich leisten können) und abends laufen die Dieselgeneratoren. Die Straßen durch das Dorf, dem Hauptort im hohen Pamir, sind bis auf zwei, drei asphaltierte Hauptachsen, eher schlecht instandgehaltene Staubpisten. Eine von ihnen führt auch zum Basar von Murghab, auf dem wir noch einmal Brot und Gemüse kaufen wollten. Der Basar besteht aus zwei Reihen Containern und Wellblechhütten, aus denen heraus alles verkauft wird, was man hier eben so braucht. In den einzelnen Jurten neben dran wird dann Fleisch verkauft, offen ausgebreitet für jeden – auch für die  vielen Fliegen.

Nun, sei es drum, wir bekamen was wir wollten und verließen Murghab in Richtung Karakul See mit gemischten Gefühlen. Wir als Reisende mit einem ganz anderen Alltags background zuhause – genießen die Kargheit, die Farben und die unglaubliche Wucht der Bergen, die unbeschreibliche Weite der Hochebenen und das raue Klima. Auf der anderen Seite bekamen wir vor allem in Murghab eine Ahnung, was es heißt, hier in den Bergen Tadschikistans zu leben.

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Die Pisten in Richtung Karakul waren zum Teil wieder sportlich zu nehmen, umso schöner waren die Ausblicke. Auf dieser Strecke trafen wir bis auf einige wenige Fahrradtouristen, denen wir an dieser Stelle noch einmal unseren Respekt zollen, niemanden. Ein letztes Mal genossen wir die Weite und die Stille im Pamir auf knapp 4000m Höhe direkt am Karakul, bevor wir uns am nächsten Tag nach Kirgistan aufmachten.

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Der Pamir- ein geplanter und tatsächlicher Höhepunkt unserer Reise.  Wie hatte sich Sebastian darauf gefreut-  ich hatte gemischte Gefühle. Einerseits- und das überwog- wollte ich diese einmalige Natur erleben, andererseits machte ich mir im Vorfeld viele  Gedanken. Wie werden die Straßenverhältnisse sein? Fahren wir mit dem Steyr ständig ein Rad überm Abgrund? Wie verkraften wir alle (vor allem Antonia) die langen Fahrzeiten? Ich hatte gedacht, wir fahren nur 10-20 km/h über schlimmste Pisten und das über Tage… Wie kommen wir alle mit der Höhe zurecht? Und was machen wir bloß, wenn einer von uns höhenkrank wird? Geht umdrehen so einfach überall? Und dann die Frage der Versorgung. Werden wir nur aus der Konservendose essen? Und haben wir davon genug mit?

Alle diese Fragen haben sich als unnötig herausgestellt:

1. Es war nur ganz selten mal richtig eng – vor allem bei Gegenverkehr auf der Strecke nach Chorugh habe ich ein bis zweimal die Augen zugemacht und auf den ersten Kilometern nach Langar war es auch eng, aber da kam uns zum Glück niemand entgegen.

2.  Die Fahrzeiten waren nicht länger als sonst- kann man sich genauso einteilen wie auf dem Rest der Strecke. Die Pisten waren auch nicht schlechter als teilweise in Usbekistan.

3.  Keiner von uns hatte ein Problem mit der Höhe. Wenn man von Chorugh kommt und so langsam ist wie wir, hat man ein bis zwei Wochen Zeit zum Eingewöhnen auf 2000-3000 m Höhe.

Und die Versorgung war ziemlich problemlos. Es gibt oft kleine Shops und vor allem im Vakhan Valley ist es überhaupt nicht einsam – es reiht sich Dorf an Dorf.  Später wird es zwar einsamer – aber die Distanzen zum Beispiel zwischen Langar und Murghab  sind nicht groß. Wir hatten immer von allem genug – die gekauften Konserven sind noch fast vollständig in den Kisten. Und zu guter Letzt: so viele Reisende wie im Pamir hatten wir noch nie getroffen. Es war einfach nur einmalig toll. Punkt!

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