…auf in den Iran

Als wir am Morgen den Campingplatz in Dogubayazit verließen, wurden wir mit schönstem Sonnenschein und einem fantastischen Blick auf den schneebedeckten Ararat und seinen kleinen Bruder belohnt. Der erste „richtige“ Grenzübergang stand bevor, und wir waren schon ein bisschen aufgeregt, was wir dort erleben würden. Auf der Autobahn in Richtung Grenze standen die Transit LKW’s schon Schlange und alle Fahrer winkten uns vorbeizufahren. Das zog sich über circa fünf Kilometer bis wir an den türkischen Grenzposten kamen, dessen Tore allerdings geschlossen waren. Viele Herumstehende, darunter auch einige Geldwechsler lotsten uns dann unter wildem Gestikulieren direkt vor das Tor der Ausfahrt – das sich nach wenigen Minuten für uns öffnete.

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Insgesamt zog sich das Procedere auf türkischer und iranischer Seite dann doch über fast drei Stunden, in denen man sich durch Menschenmassen von A nach B nach F nach C und zurück kämpfen musste um verschiedenste Stempel im Pass und im Carnet zu bekommen. Diese Stunden fühlten sich ob der Fülle an Stationen irgendwie kürzer an. Die Hallen, in denen die Passkontrollen durchgeführt wurden waren brechend voll, gefüllt mit Busladungen von Menschen und deren Gepäck – und jeweils einem geöffneten Schalter. Das Chaos war vorprogrammiert. Hier halfen uns dann die „Halboffiziellen“, wie wir sie nannten, an den Schlangen vorbeizukommen und priorisiert gestempelt zu werden. Ohne halboffizielle Helfer war hier kaum Durchblick zu bekommen. Natürlich war hierfür am Ende ein Obulus, inkl. einer KfZ Versicherung fällig, den wir aber gerne zahlten.

Die Zollkontrollen beschränkten sich auf einige flüchtige Blicke in das Fahrerhaus und dessen Fächer, sowie auf eine Besichtigung der Wohnkabine, die allerdings noch zweimal im Laufe der Überquerung wiederholt werden musste, da das Interesse an unserem Zuhause groß war. Am Ende hörten wir immer wieder ein freundliches  „Welcome to Iran“.

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Nachdem wir (hoffentlich) alle Stempel eingefangen hatten, ging es schnell aus Bazargan heraus auf die Autobahn, raus aus dem Trubel. Wir sahen und uns an und mussten wieder mal grinsen: Wir sind im Iran! Für uns das erste Land auf der Reise, das wir vorher noch nicht betreten hatten – und wir waren gespannt.

Die Freundlichkeit und Kontaktfreudigkeit der Menschen hier ist einfach überwältigend. Überall werden wir angesprochen – und wenn auch zum Teil nur spärliche Englischkenntnisse da sind, für ein lachendes Welcome to Iran reicht es überall. Antonia ist einmal mehr Fotomodell und es werden ganze Familienfotos mit ihr gemacht. Mittlerweile nimmt sie es gelassen und setzt ihr neues Foto Gesicht auf. Wenn sie keine Lust hat, macht sie es auf ihre Art deutlich und die Leute verstehen es meist. Wir werden oft eingeladen, sei es nur zum Tee oder auch nach Hause, was wir aufgrund unserer eigenen Pläne aber meist ablehnen müssen. Natürlich ist es auch oft die iranische Höflichkeit, die gebietet, uns dieses zumindest anzubieten. Trotzdem haben wir den Eindruck, dass viele der ausgesprochenen Einladungen wirklich ernst gemeint sind.

Autofahren im Iran ist anders – um nicht zu sagen krass anders. Geht es auf den Autobahnen noch einigermaßen zivilisiert zu, bekommt der Verkehr, sobald eine Auffahrt, oder eine Stadt da ist einen anderen Charakter. Vorfahrt gewähren, rechts vor links etc. gibt es nur in der Theorie, in Kreisverkehre fährt man halt einfach hinein – anhalten oder wenden geht immer, auch auf der Autobahn….Wenn man es erst einmal ein wenig durchschaut hat, kommt man mit entsprechender Vorausschau und Aufmerksamkeit aber klar. Obwohl man doch noch jedes mal Herzklopfen bekommt, wenn man eine Straße überqueren muss und heilfroh ist, wenn man es geschafft hat.  Wir sehen fast jeden Tag einen Unfall und klopfen mehrfach am Tag auf Holz und benutzen unsere Hupen bis sie heißlaufen.

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Picknicken ist im Iran ein Muss und wird zelebriert in einer bisher von uns nie erlebten Dimension. Da wo es gerade gefällt, wird eine Decke, oder ein Teppich ausgebreitet und aufgefahren. Das kann auch mal auf einem Seitenstreifen einer vierspurigen Straße sein um kurz Rast zu machen. In den zahlreichen Parks und Grünanlagen ist abends die Hölle los. Wegen der doch beträchtlichen Hitze tagsüber, findet das Leben hier ab acht Uhr abends draußen statt. Kind, Kegel, Oma und Opa sitzen auf mehrere Quadratmeter großen Teppichen und es wird gegessen… „Chi bokhorim“… „Was essen wir“, ist hier ein geläufiger Ausdruck, denn essen und dabei und darüber reden sind hier immens wichtig. Auch nach 23 Uhr treffen immer noch ganze Familien mit Kleinkindern ein, und vor ein oder zwei Uhr ist man hier selten im Bett. Wir bekommen ganze Melonen, Salat, und auch Kebabspiesse gereicht, denn es wird immer geteilt. Vor allem am iranischem Wochenende sind die Parks so voll, dass die Teppiche und Decken dicht an dicht liegen – manchmal werden auch Zelte aufgestellt. Jede Familie hat hier mindestens eines dieser Pop up Zelte- in denen manchmal auch übernachtet wird. Wir bekommen dass alles so hautnah mit, weil wir in den Städten meist in den großen Parks stehen und staunend das Treiben um uns herum beobachten. Wenn wir gegen Mitternacht erschöpft ins Bett gehen – Antonia schläft auch nicht früher- tobt um uns herum noch das Leben. Am Morgen sind wir dagegen meist das einzige noch verbliebene Auto.

In Teheran treffen wir, nachdem wir die Visa für Usbekistan beantragt haben, auf die Familie Torabi aus Shiraz. Die Tochter spricht  perfekt Englisch und wir verbringen wir einen sehr schönen Abend auf dem Rasen zusammen. Wir sollen auf jeden Fall nach Shiraz kommen und im Hause der Familie wohnen. Shiraz hatten wir eigentlich schon abgehakt, da es doch annähernd eintausend Kilometer Fahrt bedeuten würde. Die Familie macht aber noch einen Zwischenstopp bei Angehörigen in Isfahan und so werden wir dort erwartet. Dieses können wir nun doch nicht ablehnen und so machen wir uns auf nach Isfahan. Es sind zwei sehr schöne Tage die wir dort verbringen und daher entscheiden wir uns doch mit den Torabis nach Shiraz zu fahren.

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Jeder Wunsch wird uns in den folgenden Tagen von den Augen abgelesen. Vor allem Antonia wird verwöhnt mit Süßigkeiten und iranischem Kinderfernsehen. Sie galoppiert mit verschiedensten Familienmitgliedern durchs Haus und nennt die Eltern von Venus zu deren Entzücken ‚Oma‘ und ‚Opa‘ (vielleicht auch nur weil ihr die Namen so fremd sind und sie sie sich nicht merken kann). Obwohl wir unser Auto lieben, genießen wir die heißen Tage und Nächte im klimatisierten Haus und lassen uns gerne die Stadt zeigen. Am besten gefällt uns und Antonia aber das wirklich herzliche Familienleben und trotzdem von den 8 Familienmitgliedern eigentlich nur eine wirklich Englisch spricht fühlen wir uns gut verstanden und perfekt integriert. Sobald man nach Hause kommt wird Kopftuch und Manteau abgelegt und alle tragen ganz normale Kleidung. Es wird gegessen, gelacht und getanzt und alles erscheint uns fröhlich und unkompliziert, obwohl wir doch in einem Land sind, wo öffentliches Tanzen und Singen verboten ist und so vieles die Freiheit einschränkt. Im Haus der Familie haben wir das alles fast vergessen. Sie wollen uns dann fast nicht mehr fahren lassen, aber wir wollen auch noch anderes sehen und so machen wir uns nach 5 Tagen auf nach Yazd.

Tabriz, Teheran, Isfahan, Shiraz, Yazd – das waren für uns alles weit entfernte Ziele auf der Karte – und nun waren wir dort. Die Eindrücke und Erlebnisse sind schon überwältigend und wollen verarbeitet werden.

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Nach der zweiten Visarunde in Teheran haben wir dann auch erst einmal genug vom Stadtleben und wollen wieder etwas einsamer stehen. Wir machen uns auf den Weg ans Kaspische Meer und überqueren das Elburz Gebirge auf einer schönen Panoramastrasse. Zusammen mit Kati und Jakob, die mit ihrem Nissan Patrol unterwegs sind, verbringen wir einige Tage im Gebirge abseits der Hauptroute bei deutlich milderen Temperaturen, schönem Lagerfeuer und netten Abenden, die normalerweise von Bier und Wein begleitet wären. Wir müssen uns mit Tee und Kinderbier (das sagt Antonia zu dem Malzbiergemischen die es hier gibt) begnügen…Dafür bekommen wir am Morgen aber auch literweise frisch ‚gezapfte‘ Kuhmilch gebracht und auch ein Pferderitt für Antonia wird kurzerhand organisiert.

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Wir fahren weiter gen Osten entlang der Küste des Kaspischen Meeres. Hier ist es grün, es gibt Wolken und satte Vegetation, sogar ein bisschen Regen am Abend, zumindest einmal. Leider ist die Küste in weiten Teilen sehr erschlossen, einsame Stellplätze zu finden ist etwas schwierig. Trotzdem nutzen wir die Möglichkeit in erfrischende Wasser zu springen, auch wenn das Wasser hier auch schon fast Badewannentemperatur hat. Für Christina geht das nur in voller Montur, inklusive Manteau und Kopftuch…wohl etwas ungewohnt.

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Nachdem wir bei der Immigration Police in Sari unsere Visa verlängert haben, fahren wir in Richtung Golestan Nationalpark. Hier finden wir noch sehr schöne, einsame Stellplätze inmitten wunderschöner Landschaft.

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Der Entschluss die nördliche Route nach Mashad zu nehmen, stellte sich als richtig heraus.

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In Mashad treffen wir Laurents wieder, der bereits sein Turkmenistan Visum in den Händen hat und verbringen den Rest des Tages zusammen. Auch für uns gibt es am nächsten Tag keine Probleme bei der Abholung der Visa, so dass wir uns nach Auffüllen aller Vorräte, vor allem der Wassertanks gut gewappnet fühlen, das Nadelöhr in Richtung Usbekistan zu durchqueren. Wir fahren in Richtung Serakhs, wo wir an einer einsamen und verlassenen Karawanserei Robot-e Sha einen letzten Stopp im Iran einlegen.

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Unser Fazit zum Iran: Ein absolut faszinierendes Land mit unglaublich vielen Facetten, sehr gut zu bereisen, mit aller Infrastruktur, die man braucht, sicher, unbeschreiblich herzliche, offene und gastfreundliche Menschen!

Wir kommen gerne wieder!

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